rd19 zeigt: rd19, Death Love And Acid, GEWALT

Eventhalle Ingolstadt, 20.06.2026

Alles begann mit einem Flyer:

rd19 zeigt:
GEWALT
Death Love and Acid

rd19? War das nicht dieses Ingolstädter Industrial-Urgestein? Das könnte doch ganz interessant werden – und das Themenspektrum Gewalt, Tod, Liebe sowie Lysergsäurediethylamid deckt sich in etwa mit meinen Interessen.

Es war einer dieser Sommertage, an denen die Sonne immer mehr zum Feind des Menschen wird, die Luft selbst noch zu glühen scheint und der Asphalt noch lange in die Nacht hinein die tags gespeicherte Hitze zurückstrahlt. Ein Wetter, das einen je nach Gemüt entweder ins Freibad oder in den dunkelsten Keller treibt. Doch meine Zuflucht sollte die klimatisierte Eventhalle Ingolstadt sein. Mittelgroß, professionell ausgeleuchtet, Sound und Licht tadellos: keine Spelunke, sondern eine richtige Halle. Wer aus dem Untergrund kommt, muss sich an so viel Professionalität erst gewöhnen – beinahe vermisst man den Schweiß von den Wänden.

Vermisst wird er an diesem Abend ohnehin nicht lange, denn die Hitze hat es auch ohne tropfende Gewölbedecke in den Saal geschafft.

Den Anfang machen die Gastgeber rd19, die hier – wie ich mittlerweile in Erfahrung bringen konnte – ihr erstes Heimspiel seit fast zehn Jahren haben. Und man merkt, dass sie vermisst wurden. Das Publikum ist so zahlreich wie den ganzen restlichen Abend nicht mehr, und die Dichte an rd19-Shirts ist beeindruckend. Das Licht dimmt, und eine Gruppe nuklear verseuchter Hinterwäldlermutanten (The Hills Have Eyes, verpflanzt ins urbane Bayern) betritt die Bühne, das andere Monster, das diese Stadt hervorgebracht hat. Was sie darbieten: sauberen Industrial Rock, der vor allem an die With Teeth-Ära von Nine Inch Nails erinnert. Treibend, rockig und vor allem tanzbar. Sympathisch sind die Jungs obendrein – weniger Wes Cravens Pluto und Jupiter, sondern eher Tromas trashiger Mutant von nebenan, der Toxic Avenger: Der Gitarrist gesellt sich unters Publikum, um mit ein paar Jugendlichen herumzublödeln, der Sänger bleibt in seinen Ansagen charmant bodenständig („Das Motto des heutigen Abends ist The Good, the Bad and the Ugly – und wie ihr seht, die Hässlichen sind wir”). Gelegentlich verlässt er die Bühne für Outfitwechsel, und was er so auffährt, reicht mindestens für die nächsten fünf Jahre Halloween-Parties. Die Gesten und die Bildsprache des Auftretens kennt man im Industrial; was hier fehlt, ist das Machismo. Wo bei den üblichen Verdächtigen eine teilweise doch eher fragwürdige Sexualmoral zum Nachweis der eigenen Virilität bis tief hinein in die Mittsechziger herhalten muss (hust, Lindemann, hust, hust), scheint es hier vor allem der Spaß an der Maskerade zu sein – und das tut der Sache erstaunlich gut. Kein Wunder, dass die Menge geschlossen mitgeht: rd19 sind das, was eine Stadt sich erzählt, wenn sie laut sein will. Dass ausgerechnet die Provinz-Mutanten den Abend für sich entscheiden, ist die erste schöne Ironie des Abends.

Und dann, kaum sind sie von der Bühne, beginnt der Saal zu schrumpfen. Ein guter Teil der Gäste ist offenbar nur für die Hausherren gekommen und zieht es nun vor, die laue Nacht im Freien dem weiteren Programm vorzuziehen. Vom einen Act zum nächsten halbiert sich das Publikum schlichtweg. Selbst schuld, denn es folgt die Band, die für mich an diesem Abend fast das eigentliche Highlight darstellt.

Die Kölner Death Love And Acid spielen eine mitreißende Stilmischung, die zunächst an den Postpunk von Siouxsie and the Banshees, dann an poppigere Misfits erinnert, jedoch spätestens mit Einsatz der Violine – die kurz an die Inchtabokatables denken lässt – eine Eigenständigkeit entwickelt, die irgendwo zwischen Wave und Punk liegt. Die Musiker spielen ein heiteres Bäumchen-wechsel-dich, kommen und gehen zwischen den Nummern oder tauschen Instrumente. Ein Stück gar mit Didgeridoo. Das hätte ein heilloser Crossover-Bauchladen werden können, wird es aber nicht. Zusammengehalten wird das Ganze nicht musikalisch, sondern emotional; und gerade diese Kohärenz im Gefühl gibt der Musik die Freiheit, im Klang keine sein zu müssen. Death Love And Acid stellen die Frage: „Was wäre, wenn Deathrock nicht von Grufties, sondern von Hippies gemacht würde?” Klar, da ist dieselbe schwarze Romantik, da sind die hörbaren Wurzeln im Punk und Postpunk der Achtziger, aber da ist auch Wärme statt Todessehnsucht; statt einen elitären Zirkel an Schwarzkitteln öffnen Death Love And Acid den Kreis und laden zum Tanzen ein, eine Fluchtlinie aus der Krypta heraus statt immer tiefer hinein. Den halbierten Saal nimmt die gutgelaunte Vocalistin Skai dabei nicht im Mindesten krumm; im Gegenteil, sie springt kurzerhand selbst in die Menge und versucht, einen kleinen Moshpit anzuzetteln. Der Erfolg bleibt – der anhaltenden Hitze geschuldet – mäßig, und so bleibt es bei einem freundlichen Geschiebe. Aber der Wille zählt, und er steckt an.

Als GEWALT die Bühne betreten, hat sich das Publikum bereits stark dezimiert. Maximal dreißig Seelen haben es geschafft, bis hierhin durchzuhalten – doch diese dreißig tanzen nun, als stünden sie mitten im Berghain. Was GEWALT hier im stroboskopzerfetzten Bühnennebel darbieten, ist urbaner, expressionistischer EBM mit anhedonischem deutschsprachigem Gesang. Entfernt ist da noch eine Verwandtschaft zur Dub- und Discomusik der Siebziger, aber es ist die eisig-rückgratige Untoten-Disco, die klingt, als wäre sie in den beschädigten synaptischen Bahnen eines Gehirns aufgenommen worden, dessen Serotoninreserven gnadenlos ausgeschöpft sind. Irgendwo unter dem Maschinenpuls glimmt noch eine alte deutsche Kälte, das Erbe jener Tage, als Grauzone ein Eisbär sein wollten, der nie weinen muss. Nur dass dieser Eisbär gar nicht mehr weinen kann; man möchte meinen, die emotionale Infrastruktur sei von zu vielen Nächten im Technobunker restlos verschlissen. Typisch Berlin eben.

Drei Bands, drei Wege, mit derselben Dunkelheit umzugehen: die einen fahren darin Geisterbahn, die anderen wärmen sich an ihr, während die dritten sie sich bis in die Synapsen verinnerlichen. Und ausgerechnet die kompromissloseste dieser Spielarten zieht das geringste Publikum. Doch die Ingolstädter wissen nun einmal genau, wofür sie gekommen sind, und das war an diesem Abend das Heimspiel ihrer verstrahlten Mutanten.

Text + Fotos: Salamander Nixda