Voidfest 2026

Bauer Sepps Unholy Goaßwiesn liegt irgendwo in der Oberpfalz, nicht weit von der tschechischen Grenze, und wer sie nicht sucht, findet sie auch nicht. Genau das ist der Punkt. Seit Jahren wächst hier einmal im Sommer für ein Wochenende ein Festival aus dem Boden, das sich beharrlich weigert, ein Genre zu bedienen. Auf dem Papier ein Metal-Festival — auf dem Papier steht aber auch ein Line-up, das sich jeder Schublade entzieht. Doch genau diese — ich möchte fast sagen undomestizierte — Herangehensweise zieht uns Jahr für Jahr zurück: Into the Void.
So auch dieses Jahr. Wir sind schon Donnerstagabend da, das Lager ist aufgebaut — dieses Jahr inklusive Poledance-Stange, an der auch ich mein Können unter Beweis stellen darf (für die Leser:innen, die mich nicht kennen: Ich bin ein DICKER Mann). Für Speis, aber vor allem für Trank ist gesorgt. Und es herrscht eine angenehm ausgelassene Festivallaune.

Akt 1: Freitag

Die Sonne steht warm über dem Feld und Voodoo Dust liegt in der Luft, als Highway Patrol
(https://highwaypatrol.bandcamp.com/album/in-tears) das Void für dieses Jahr einläuten. Die Damen (plus Gitarrist) aus Halle an der Saale spielen einen bluesigen 70er-Rock irgendwo zwischen staubiger Landstraße und sumpfigem Bayou, aber immer voller Seele. Nicht der typischste Einstand für ein MetalFest, aber typisch wollte das Void ja noch nie sein. Der Sound passt jedenfalls gut zur wabernden Nachmittagshitze, die sich über den Acker gelegt hat.

Doch der erste Abriss lässt nicht lange auf sich warten. Die Jungs aus Tschechien, die auf den zum Fest passenden Namen Cancer Void https://cancervoid.bandcamp.com/album/first-metastasis) hören, servieren eine Knüppelei, die ich als angeschwärzten Old-School-Death im Dunstkreis von Incantation oder Autopsy wahrnehme: verhallte Nekrogesänge; Gitarren, die gelegentlich in zermahlenden Death-Doom oder in abgespacte Timeghoul-Sphären abbiegen. Ungesunde Strahlen aus dem Weltraum, die alles Organische zersetzen und nur metastasierende Leiber hinterlassen.

Entspannter, aber nicht weniger auf die Fresse, geht es bei den Leipzigern WAR
(https://venividiwar.bandcamp.com/album/venividiwar) derweil auf der Hauptbühne zur Sache. Was rein vom Sound her auch garstigster Sludge irgendwo zwischen YOB und Primitive Man gewesen sein könnte, läuft hier mit einem postrockigen Songwriting zu einer lässigen Mischung zusammen (letztes Jahr lief hier ein Typ rum, auf dessen Jutebeutel der Schriftzug „POST-EMO STONER DEATHGAZE” prangte — das trifft’s in diesem Fall eigentlich ganz gut). Ergeben lassen wir uns von WARs liebevoller Doomgaze-Walze in den
Staub planieren.

Im Zelt knattert und fiept und kreischt es mittlerweile, dass einem nur so die Ohren klingen. Das Berliner Duo PEB (https://edelfaulrecordings.bandcamp.com/album/iamchainsaw) macht… ja, was eigentlich? Ich bin ja ein großer Freund von ungewöhnlichem Krach, aber dies ist das erste Mal (seit ich in frühen Jugendjahren die Einstürzenden Neubauten entdeckt habe), dass ich Musik (?) höre, die ich absolut gar nicht einordnen kann. PEBs Kunst lässt sich vermutlich irgendwo zwischen Industrial und Noise ansiedeln: dröhnende, flirrende und zutiefst feindselige Soundscapes, während im Hintergrund ein Drumbeat durch die Gegend scheppert. Irgendwie könnte das auch die Bizarro-Version von Dub sein, aufgenommen im Maschinenraum eines stillgelegten (weil explodierten) Kernkraftwerks. Verstörend, verstrahlt und beschädigt — so klingt auch das abgehackte Geschrei der Sängerin. Künstlerisch finde ich das eigentlich sehr spannend, doch im Kontext des Festivals ist es mir im Moment ein bisschen zu stressig (vermutlich der beabsichtigte Effekt), weswegen ich nach dem halben Set das Zelt schon verlasse.

Weiter geht’s mit den ersten Gästen aus Übersee. Crippling Alcoholism
(https://cripplingalcoholism.bandcamp.com/album/camgirl) spielen allem Anschein nach ihre erste Europa-Tour (mit zwei Terminen in Deutschland), wie mir eine freundliche Gothfrau zu erzählen weiß, die wohl extra deswegen aufs Void gekommen ist und mir die Band als „Murder Pop” verkauft — eine Genrezuschreibung, die ich nach dem Set nicht besser ersetzen kann. Die Bostoner geben sich auf den ersten Eindruck erstaunlich eingängig: wavige Synthesizer und einprägsame Melodien. Doch der Synthpop ist nur die rosafarbene Eisschicht, unter der sich abgründig ein schwarzer Ozean aus Abhängigkeit,
Zerrissenheit und Entfremdung auftut — dass die Band aus der Noise-Rock-Szene stammt, hört man dieser Düsternis jederzeit an. So müsste es klingen, hätten die Swans 1983 nicht Filth eingespielt, sondern New Orders Power, Corruption & Lies. Sänger Tony Castrati fährt dabei eine vokale Performance auf, die stellenweise an Peter Steele im Schmiersuff erinnert. Und bei all dem unterschwelligen Schmutz, den diese Band aufwirbelt, bleibt es dennoch pervers poppig.

Vom klebrigen Alcopop geht es direkt weiter in den Pilztrip. Im Zelt zelebrieren Beschwoerung (https://beschwoerung.bandcamp.com/album/beschwoerung) ihren kauzigen Black Metal, und was sie derzeit zum meistgeflüsterten Namen der deutschen Szene macht, entfaltet sich hier binnen Minuten: tanzende Melodien, irre Gesänge, eine einsam klagende Okarina. Irgendwann kippt der Boden weg, das Riff verliert seine Schwere, wird beinahe träumerisch, kurz levitieren wir über dem staubigen Acker, dann
kommt alles zurück. Die fiebrige Atmosphäre transmutiert Konzert in Ritual, und ringsum wiegen sich verschwitzte Körper in einem Bannkreis, in dem Erkenntnis und Wahn bald nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. So muss sich der unselige Doktor Faustus damals gefühlt haben, als es ihn zur Walpurgisnacht hinauf auf den Brocken zog.

Der nächste Act sorgt bei vielen meiner Freunde abwechselnd für Überraschung und Begeisterung. Denn zwischen all den Underground-Bangern hat sich das Void dieses Jahr auch eine Legende der New Wave of British Heavy Metal eingeladen: Girlschool (https://cherryred.bandcamp.com/album/running-wild-live-inlondon) — ja, die von Motörhead. Seit beinahe 50 Jahren aktiv und kein bisschen altersschwach, rocken die alten Häsinnen das Feld. Die letzten Sonnenstrahlen kriechen warm über die Wiese, und Girlschool machen Stimmung. Das tut gut!

Danach geht es weiter mit der gebündelten FLINTA-Power — und es hat schon eine schöne
Folgerichtigkeit, dass ausgerechnet die Urgesteine von Girlschool den Boden bereiten, auf dem nun Ragana (https://ragana.bandcamp.com/album/desolations-flower) stehen: knapp 50 Jahre Traditionslinie, komprimiert auf einen bayerischen Acker. Sind das wirklich nur zwei Personen dort auf der Bühne? Ja, auch wenn man es kaum für möglich halten möchte. Noel und Maria (abwechselnd an Schlagzeug, Gitarre und Gesang) zimmern einen Sound ins Zelt, auf den auch so manche fünfköpfige Band neidisch wäre. Allein der Gitarrensound zwingt in die Knie. Verletzliche Schwere trifft Riot-Grrrl-Punk trifft Cascadian Black Metal. Und dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr: Entwachsen aus der politisch aufgeladenen DIYPunkszene Olympias, spielen die beiden eine Art krustigen und im Gesang auch deutlich angeschwärzten Doom — Klagelieder und Kampfeshymnen zugleich, gegen ein rassistisches, sexistisches und queerfeindliches System, voller Wut, Trauer, aber auch Hoffnung.

Die nächste Band löste im Vorfeld Skepsis bei mir aus. Patriarchy
(https://patriarchy.bandcamp.com/album/manual-for-dying-2) aus L. A. machen Musik, die ich zynisch als Ficki-Ficki-Fetisch-Industrial-Pop bezeichnen könnte. Ein musikalisches Relikt der 90er Jahre, das meiner Meinung nach selten stilvoll gelingt und tendenziell eher zum Fremdschämen anregt. Doch ich muss mein Urteil revidieren: Das macht live richtig Spaß. Es fühlt sich ein bisschen an wie eine Rave-Szene aus einem 90s-Cyberpunk-Film. Ja, jeder Song klingt ein bisschen wie ein Cover von Nine Inch Nails’ „Closer” — aber verdammt, es funktioniert. Der Sound ist fett, die Bühnenshow fotzig und die Stimmung am Kochen.

Jetzt gibt’s Geschrammel mit den Australiern Gee Tee
(https://geeteeband.bandcamp.com/album/prehistoric-chrome) — einer der zentralen Namen hinter dem Internet-Mikrogenre Egg-Punk. Drei-Akkorde-Riffs und vernuschelter Gesang, die an die Ramones erinnern, dazu schrottige Billig-Synths, die im Hintergrund herumwabern. Ein Frontmann mit einer pinken Sturmhaube. Eigentlich richtig geile GuteLaune-Party-Mucke, allein die Müdigkeit macht sich bei mir bemerkbar. Nach ein bisschen Alibi-Pogo, dem Punkrock-Über-Ich geschuldet, verabschiede ich mich aus
dem Zelt — mit dem festen Vorsatz, mir Gee Tee nochmal zu einem fitteren Zeitpunkt zu geben. Die restlichen Energiereserven möchte ich mir für heute aufsparen, schließlich steht noch eine Band auf dem Zettel.

Der Headliner des Abends ist das französische Heavy-Prog-Duo Moundrag
(https://moundrag.bandcamp.com/album/deux). Verzerrter Hammond-Orgelsound dröhnt über das Feld. Rockmusik ohne Gitarren? Kann das funktionieren? Es kann! Und mit der Zeitmaschine fliegen wir zurück in die 70er — was die Brüder hier vom Stapel lassen, ist hörbar geprägt von Deep Purple, Emerson, Lake & Palmer und Yes. Druckvoll pumpende Orgelriffs, vertrackte Takt- und Tempowechsel, zweistimmiger, androgyner Männergesang. Mein Körper möchte längst in den wohlverdienten Schlafsack, doch diese Musik wirkt einfach nur aufputschend auf mein Hirn. Und so bin ich trotz Müdigkeit fast ein bisschen
traurig, als das Set schließlich vorbei ist.

Interlude: Wake Up Call

Restverschallert, doch gut erholt erwache ich am Samstag mit den Sonnenstrahlen. Nach einem Kaffee und kleinem Frühstück geht es jedoch direkt runter zur Camp Stage. VoidKenner werden hier bereits hellhörig. Jedes Jahr gibt es am zweiten Festivaltag vormittags eine zusätzliche Bühne direkt auf dem Campingground. Hier wird von ca. 10 bis 14 Uhr ein kleines und gemütliches Aufwach-Programm geboten, mit ruppiger Bumsmusik und Freibier. Jeder Voidianer weiß, dass diese vermeintliche Nebenattraktion die Bühne mit der besten Stimmung ist.

Und fürs gemütliche Aufkrabbeln haben sich die Veranstalter dieses Jahr etwas besonders Zärtliches überlegt: Die Bersenbrücker Goregrinder von Sevver (https://sevver.bandcamp.com/album/rehearsalregurgitation-7-7-26) — man kennt die Jungs vielleicht aus der Osnabrücker Szene rund um Prehistoric War Cult, Sadoghoul und Satanic Black Blood — poltern und rülpsen übers Feld, dass es eine helle Freude hat, während Sänger Mogel guttural blubbert wie der namensgebende Gulli. Es ist noch nicht zu heiß, das geschenkte Bier verspricht eine zusätzliche Kühlung, und so haben schon die ersten Besucher wieder Lust auf Moshpit — oder zumindest darauf, ihren Kater vom Vortag gemütlich aus der Rübe zu bangen.

Der ÖPNV (https://oepnv.bandcamp.com/album/4917635713990) fängt — wie sollte es anders sein — erstmal eine Viertelstunde verspätet an. Was die Berliner zocken, ist ein elektronischer Rave-Punk, der durch den Drumcomputer auch eine leichte Industrialnote hat. Der rotzig verzerrte Gesang und die EggPunk-typischen Synths tun ihr Übriges und vervollständigen den abgefuckten Hauptstadt-Swagger. Genau das Richtige, um die Leute bei Laune und in Bewegung zu halten, ohne ihnen bereits vormittags zu viel abzuverlangen. Ich jedoch ziehe mich derweil mit einem Limoncello Tonic in den Schatten des Osnabrücker
Camps zurück.

Ebenfalls Berliner Atzigkeit gibt es bei den Black-Metal-Punkern von Kryk
(https://kryk.bandcamp.com/album/-). Diese gehen jedoch weniger albern zu Werke. Vom Sound her roher und aggressiver Black Metal, vom Gestus jedoch klar verwurzelt im Hardcore-Punk der 80er Jahre. Wer bei der zierlichen Erscheinung der Frontfrau noch mit Zurückhaltung rechnet, wird binnen Sekunden eines Besseren belehrt: Nicht nur zettelt sie den zornigsten Pit des ganzen Wochenendes an, sie zerlegt gleich die erste Reihe Zuschauer, noch bevor der erste Song verklungen ist. Doch die Voidianer können das
ganz gut vertragen, und so bleibt die Stimmung auch heiter, während es von außen so wirken mag, als würde gleich eine zünftige Keilerei anstehen.

Keilerei — aber auf süß — gibt es dafür bei den Goblin-Rockern Torpur
(https://torpur.bandcamp.com/album/vltra-chaos-magick). Bevor es losgeht, verteilt das Duo aus Warschau nämlich schon Waffen ans Publikum: selbstgebastelte Morgensterne und Äxte aus Pappe und — für mich am schönsten — Schilde, jeder individuell und liebevoll mit einem Goblin verziert. Und wo Kryk Black Metal mit Punk-Ästhetik spielten, wird hier der Spieß umgekehrt und kauziger Egg-Punk mit KerkerBlack-Metal-Attitüde dargeboten — das dritte Egg-Punk-Derivat, und wieder klingt es völlig anders. Der Pit wird derweil zum bestgelauntesten Gemetzel, das man sich vorstellen kann. Die Jungs schließen ihr Set mit
der Absage „Elves fuck off”, und das Publikum verlässt breit grinsend die Camp Stage, bevor in zwei Stunden das „große” Void wieder weitergeht.

Akt 2: Samstag

Ungleich ernsthafter geht es dann im Zelt weiter. Pfarre (https://pfarre.bandcamp.com/album/spolia) ist das spirituelle Noise-Projekt der österreichischen Künstlerin Kristina Pia Hofer aka Ana Threat (die dem durchschnittlichen Voidianer vermutlich vor allem als eine Hälfte des Wiener Post-Punk-Black-Metal-Duos
Peace Vaults bekannt sein dürfte). Wabernde mittelalterliche Soundscapes füllen das Zelt, während schleierverhangen eine entrückt wirkende Ana Threat ihre Arme nach einem Herrgott ausstreckt und sie nur senkt, um an ihrem Mischpult zu drehen und sich langsam in eine religiöse Ekstase zu wiegen. Gesampletes Windrauschen und Rabengeschrei, der geloopte Beat nimmt Fahrt auf, während A. T. vokale Laute ausstößt, die kaum noch menschlich erscheinen. Glossolalie, aber bis ins Unkenntliche verzerrt. Ächzend und stöhnend wälzt sie sich über den Boden der Bühne; gibt der alpin-katholischen Spiritualität
eine Fleischlichkeit zurück, die schwer auszuhalten ist und doch mitreißt. Hildegard von Bingen hätte Pfarre gehört. Und ich ab heute auch.

Dass ich von Onyon (https://onyon.bandcamp.com/album/pale-horses) nur die halbe Miete mitbekomme, liegt nicht an der Band, sondern an mir: Pfarre wirkt noch zu sehr nach, als dass ich mich mehr als oberflächlich auf etwas anderes konzentrieren könnte. Was durchdringt, klingt vielversprechend — stellenweise motorikgeprägter Post-Punk mit weiblichem Gesang, der sich nicht zu schade ist, mitunter in die NDW abzubiegen. Nach ein paar Liedern jedoch zieht es mich dennoch in den Schatten der Tent Stage.

Dort beenden Dungeon Keeper (https://dungeonkeeper.bandcamp.com/album/dungeon-metal-masters) gerade ihren Soundcheck und müssen sich von mir kurz volllabern lassen. Doch nicht lang schnacken, der Kerker ruft. Zu epischen Dungeon-Synth-Klängen kriecht blutroter Nebel durch das Zelt, und die in Kettenhemden gekleideten Meister des Dungeon Metals betreten die Bühne. Schwerter und Morgensterne blitzen auf (diesmal keine Pappspielsachen wie bei den Goblin-Punks am Vormittag, sondern blutiger Ernst). Die Geschwisterband der legendären Prehistoric War Cult hat sich durch und durch dem Schwarzen Kult der ersten Black-Metal-Welle verschrieben und huldigt in ihrem Sound
archaischen Urgesteinen wie Hellhammer, Isengard und den frühen Samael. Dazu noch die sympathische antifaschistische Grundhaltung: „This is Dungeon Metal against Nazi Scum.” Man muss die Osnabrücker Kerkermeister einfach lieb haben.

Es bleibt retro, jedoch wesentlich leichter bekömmlich bei den Linzer Heavy-Metalern von Zepter (https://zepter.bandcamp.com/album/zepter) — was schütten sie in Linz eigentlich ins Grundwasser, dass da in den letzten Jahren mit Eisenhand, Venator und nun auch Zepter so geile Heavy-Metal-Kapellen entstehen? Es ist einfach nur herrlich: ein angenehmer Sommertag, ein kühles Bier bei der Hand und dazu Mucke, die klingt, als wäre sie irgendwann zwischen Satans Court in the Act und Heavy Loads Death or Glory aufgenommen worden.

Kaum ein Newcomer dürfte in den letzten Jahren die Black-Metal-Szene so sehr aufgewühlt haben wie der junge Ukrainer Draugveil (https://draugveil.bandcamp.com/album/cruel-world-of-dreams-and-fears); gab es gar Gerüchte, es handle sich um einen KI-generierten Hoax. Damit aufzuräumen, hat er sich nun drangemacht, die ersten Konzerte zu spielen. Live wird er dabei unter anderem von Musikern der Tschechen Zmyrna unterstützt — ob daraus in der Folge aus dem einstigen Solo-Projekt eine vollwertige Band erwächst? Man darf gespannt sein. Die Jungs spielen einen rohen, aber melodischen Black Metal irgendwo zwischen DSBM-Todessehnsucht und Soundcloud-Emo-Sensibilität (man denke: Lifelover trifft Drain Gang), jedoch gekleidet in mittelalterlich-romantische Ästhetik. Ein gewisser fahler Schwerterbursche lässt hörbar grüßen. Ist das der Black Metal für die TikTokGeneration? Kann schon sein — aber ehrlich gesagt taugt es mir auch überraschend gut.

Die Golden Hour schlägt die Stunde, und zu den letzten wärmenden Sonnenstrahlen und den postigen Klängen von This Will Destroy You (https://thiswilldestroyyou.bandcamp.com/album/young-mountain10th-anniversary-edition) — die Chris-King-Iteration, für die, die Wert darauf legen — lässt es sich langsam
in die Abenddämmerung träumen. Ich kann ehrlich gesagt gar nicht so viele Worte finden, um das Konzert zu beschreiben: Mit geschlossenen Augen liege ich neben meiner Partnerin auf der Wiese, rieche das Gras und ihre sonnengewärmte Haut, nehme die Musik in mich auf. Zerbrechlich schöne Momente wechseln sich ab mit überwältigenden Crescendos, in einem Reigen, der mich tief in der Magengrube packt und doch gleichzeitig mit einem inneren Frieden erfüllt.

Seit unserer Anreise hörte man vielerorts ein Raunen, einen Geheimtipp: BOMBSTRAP
(https://bombstrap-rotterdam.bandcamp.com/album/big-enemy). Für Void-Hardliner keine Unbekannten, spielten sie doch letztes Jahr auf dem Void Cooldown — doch nun losgelassen auf ein Festivalpublikum, das teilweise noch gar nicht wusste, was ihm blühte. In Camo, Sturmhauben und urbane Battlegear gewandet, betritt die Rotterdam-ManchesterTerror-Punk-Guerilla die Bühne. Und die selbstgewählte Genrebezeichnung trifft den Nagel auf den Kopf: Selten sahen Musiker:innen so militant und illegal aus.
Doch dann springt die Frontkreatur hervor, die sich breit grinsend jeder Zuordnung entzieht, und dreht den Weirdness-Regler auf 11. Mit halbrasiertem Schädel (die andere Hälfte eine wilde Mähne) und mit nichts bekleidet als einem Microbikini, gebärdet sie sich wie die Synthese aus Ed Wood und John Waters: ein Drittel Alien, ein Drittel Goblin, ein Drittel Drag Queen. Auf die Frage nach dem Gender bekomme ich später nur ein fröhliches „call me whatever you want” — was musikalisch wie geschlechtlich gilt. Stellenweise erinnert man sich an die Plasmatics, nur viel, viel wütender. Bizarr, politisch und bei all dem
Chaos doch konzeptuell.

Brux (https://brux-antiyou.bandcamp.com/album/sota-la-influ-ncia) aus Barcelona spielen Oi-Punk, und das gar nicht schlecht — nur erwischen sie mich als drittletzte Band zum denkbar falschen Zeitpunkt. Was am frühen Nachmittag für gute Laune gesorgt hätte, muss nach zwei Tagen Vollbedienung gegen die Pommes-Bude antreten und verliert knapp gegen die nötige Stärkung.

Das, was nun folgt, wird nämlich der absolute Abriss. Death Racer
(https://dyingvictimsproductions.bandcamp.com/album/from-gravel-to-grave)! Noch während Brux ihren Oi abfeiern, wird das Void-Autowrack (seit Jahren allseits beliebte Outdoor-Sitzgelegenheit des Festivals) ins Zelt geschleppt und als eine Art Laufsteg an der Bühne installiert. Warum das? Nun, Death Racer ist eine Konzeptband. Die Linzer Black/Speed-Metaller haben sich die blut- und benzingetränkte Geschichte des Motorsports auf die Fahnen geschrieben. In der Live-Show wird seit jeher mit Pylonen, CrashtestDummies, Autoreifen und Felgen hantiert, doch der Void-Fest-Auftritt soll all das in den Schatten stellen. Im Vorfeld rief die Band schon dazu auf, geschrottete Autoteile zum Festival mitzubringen und am MerchStand gegen eine CD einzutauschen. Und so steht nun wirklich allerlei Schrott auf der Bühne herum. Es stinkt nach Motoröl und Benzin, und zu den Klängen von EAVs „300 PS” fahren die durchgeknallten Ösis ein, um Sinzendorf endgültig wegzusprengen. Nur ein paar Tage nach dem 50. Jahrestag von Niki Laudas schwerem Unfall auf der Nordschleife des Nürburgrings scheint sich Geschichte zu wiederholen.
Das hier ist kein Konzert mehr. Der Pit wird zur Crashzone, Autoteile fliegen, und irgendwo zwischen Vollgas-Riffs und Reifenqualm verliert man jedes Gefühl dafür, ob man gerade crowdsurft oder aus dem Cockpit geschleudert wird. Nach diesem absoluten Blechschaden verlasse ich das Zelt mit dem wohligen Gefühl, gerade einem Unfall beigewohnt zu haben, den alle überlebt haben.

Bei den Black-Metal-Pionieren Wolves in the Throne Room
(https://wolvesinthethroneroom.bandcamp.com/album/crypt-of-ancestral-knowledgeinternationaledition) kehrt dann im Kontrast dazu eine andächtige Ruhe ein. Klimpernde Percussion ist zu hören, während uns die Weaver-Brüder zur Segnung einräuchern, bevor sie ihr wölfisches Werk beginnen. Dann Wände aus Keyboard und Tremolo-Picking. Riffs wölben sich über die Unholy Goaßwiesn wie die bewaldeten Hänge in der Dunkelheit dahinter, und für ein paar Minuten scheint die Musik weniger gespielt als aus dem Boden gewachsen. Der naturverbundene Black Metal war am Freitag schon bei
Ragana angeklungen — kein Wunder, stammen doch beide Bands aus dem Umfeld von Olympia. Doch hier, im Angesicht des nächtlichen Waldes, findet er seine Vollendung; einen treffenderen Höhepunkt für das Fest hätte man sich nicht wünschen können. Klanglandschaft und Naturkulisse werden eins. Und als der letzte Ton verklingt, hört man noch für ein paar Minuten den Wind in den Tannen, bevor tosender Applaus aufbrandet.

Fazit

Das Void war ja schon immer für schräge Künstler:innen bekannt — dieses Jahr vielleicht sogar noch schräger als sonst —, und wenn man am Sonntag das Zelt abbaut, könnte man meinen, man habe vier verschiedene Festivals besucht. Doch das täuscht. Was an der Oberfläche wie ein willkürliches Sammelsurium aussieht, ist in Wahrheit ein untergründiges Wurzelgeflecht: Ragana und Wolves in the Throne Room aus derselben Ecke Washingtons, Zepter und Death Racer im Linzer Steel-City-Sorcery-Zirkel, die Osnabrücker Kerkermeister und Gulligrunzer, in deren Camp man vormittags noch mit einem
Limoncello Tonic im Schatten saß. Der Underground ist kein Markt, er ist ein Netz aus Freundeskreisen, die sich gegenseitig mitbringen.
Und Teil dieses Freundeskreises zu sein, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. Ich komme nicht bloß für die Bands, das Bier und den Sonnenbrand — das Void ist jedes Jahr auch ein bisschen Klassentreffen, ein Wiedersehen mit Rockerfreund:innen aus Deutschland, Österreich und anderswo, mit denen ich sonst nur übers Internet Kontakt halte. Vielleicht ist das der Zauber des Void: dass ein Festival, das im Programm nichts zusammenzuhalten scheint, im Publikum vollkommen selbstverständlich zusammenhält. Auf Sepps Unholy Goaßwiesn steht der Punk neben dem Black Metaller, die Gothin neben dem Stoner — und alle wissen, warum sie da sind. Ich auch: zwei Tage mit guter Musik und noch besseren Freunden. Das schönste Wochenende des Jahres.

Text: Salamander
Fotos: Lars Oeschey, Salamander